Jede Idee eröffnet Möglichkeiten. Die Möglichkeit ist radikaler, als die Wirklichkeit. Aufgegebene Träume, verworfene Ideen, nicht genutzte Möglichkeiten und gescheiterte Projekte verlieren nicht an Zündstoff und an Bedeutung, nur weil sie nicht verwirklicht worden sind. In einer Gesellschaft, die jeden Skandal integriert, jede Provokation domestiziert, wird das Scheitern zu einem subversiven Akt.

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Verwirklichte, noch nicht verwirklichte und verworfene Ideen 

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Ulf Tischewski

Texte zur Ausstellung KONTRAKT2 von Susanne Tischeski vom 23.05.2015 bis 04.07.2015

1

Die Stadt unterscheidet sich nicht von anderen Städten hier, die Straße nicht von anderen Straßen. Die Wirklichkeit kratzt auch hier an den Fassaden. Die Luft läßt sich nur mühsam einatmen. Der Wind weht meist aus einer Richtung. Regenwasser taugt hier nicht zum Wäschespülen. Schnee bleibt nie lange weiß hier. Die Sonne verbirgt sich für gewöhnlich. Wir können am Wochenende auf dem toten Fluß Kahn fahren oder den sterbenden Wald durchstreifen. Die Leute sind gewarnt hier. Auf die Straße geht man nur, um zu jagen. Wer hier ein Haus baut, zieht sich Spott zu. Tauben wildern unter den Dächern. Die Zeit vergeht hier wie anderswo auch. Der Morgen kommt zuverlässig. Abends wird es früh still hier. Die Zimmer flimmern blau hinter den Gardinen. Die Kinder werden hier schnell erwachsen. Die Erwachsenen denken früh an die Rente. Gleichwohl wird jeder gebraucht, der willens ist. Fallengelassen wird hier niemand. Der Schlaf ist hier heilig. Die Gedanken sind frei. Ideen finden immer ein offenes Ohr. Zum Frühstück steckt die Welt im Briefkasten. Für Unterhaltung ist gesorgt: zweimal am Tag fährt der Bus der Frauenhaftanstalt hier entlang. Der Äther schwirrt von Gerüchten. Hier könnten wir abwarten.

2

Ja, sage ich, ich erinnere mich nicht.

3

Und wo hier solls nun gewesen sein, wo der Pfarrer schon lichterloh brannte als er die zirka zwanzig Meter zur Kirche hin gelaufen war, vom Jugendmode-Kaufhaus herüber, dort hatte er sich das Benzin überm Talar entzündet, von Menschen sofort umringt in einer Zahl, die man nicht vermutet in den Straßen dieser Stadt zu dieser Stunde am Vormittag, von denen keiner sich bewegte auf den Pfarrer zu, der sich am Boden wälzte als der Fahrer den Linienbus zum Stehen brachte, heraussprang, sich den Weg durch den Ring schlug, seine Jacke über die Flammen zu werfen, welche da bereits sechzig Prozent Verbrennung verursacht hatten, an denen der Pfarrer im Krankenhaus verstarb, fragen wir den Nachbarn, und pilgern zum Rußfleck auf dem Asphalt.

4

Rasch jetzt eine Reise zurück, zu den Denkmalen, den Mahnmalen, zu all diesen Wandertagszielen.

5

Nichts, was mir vertraut wäre, nichts, was mir wichtig wäre, ich meine, wirklich wichtig, wirklich vertraut, ohne es leugnen zu wollen, ohne mich dagegen wehren zu können. Der Ort, an dem ich mich befinde, ist der Ort, von dem ich mich dauernd entferne. Nichts, was mich hält. Ein Zögern nur, ab und an, nein, nicht ab und an, ständig. Ich sage es, wie ich es erlebe.

6

Da stehen wir nun also endlich vor dem Nichts Hände in den Taschen und Löcher in den Strümpfen Teilen die letzte verbogene Zigarette

Kratzen den Dreck unter den Nägeln hervor

Verbrennen die letzten Briefe

Zerschlagen die letzten Möbel

Nachdem das letzte Buch verschenkt ist

Preisen wir den Zustand der Schwerelosigkeit

7 + 9

Das ist der Ort, das ist die Zeit, zerlegt in lauter Bilder, die verschwinden wie Rauch in der Luft und Sätze fallen herab. Und ein Entkommen ist wohl niemals endgültig.

8

Die Tür, sagt die Frau, statt herein.

10

Sie reden hier bitte nur, wenn Sie gefragt worden sind. Sie vergessen bitte nicht, wo Sie sich hier befinden. Überlegen Sie bitte genau, was Sie hier sagen. Sie behalten hier bitte Platz. Sie vergreifen sich hier bitte nicht im Ton. Sie vergessen hier bitte nicht, wen sie vor sich haben. Schießen Sie hier bitte nicht über das Ziel hinaus. Sie halten sich hier bitte an die Regeln des Anstands. Sie sagen uns hier bitte nicht, was wir zu tun haben. Sie verdrehen hier bitte nicht die Tatsachen. Unsere Kompetenz wollen Sie hier bitte nicht in Frage stellen. Machen Sie hier bitte keine Schwierigkeiten. Sie warten hier bitte, bis Sie dran sind. Sie verhalten sich hier bitte ruhig. Bedenken Sie bitte, in welcher Lage Sie sich hier befinden. Sie müssen uns bitte schon die Zeit lassen, uns hier ein Bild von Ihnen zu machen. Wie und wann wir hier in Ihrer Angelegenheit entscheiden, müssen Sie bitte schon uns überlassen. Sie denken bitte immer daran, daß wir hier auch anders können. Sie gehen von hier nämlich erst weg, wenn wir hier mit Ihnen fertig sind.

11

Zu klein, zu verklärt, zu lange her. Zu lange her, zu klein, zu verklärt. Zu verklärt, zu lange her, zu klein. Zu lange her, zu verklärt, zu klein. Zu verklärt, zu klein, zu lange her. Zu klein, zu lange her, zu verklärt.

12

Der Bahnhof wird als schmutzig bezeichnet, der Platz vor dem Bahnhof wird als verlassen bezeichnet. Die Sonne wird von dem Heimkehrenden, da er aus der kalten, dreckigen Bahnhofshalle heraus den leeren Platz vor dem Bahnhof betritt, als für diese Stunde und Jahreszeit unerwartet warm bezeichnet. Der Weg vom Bahnhof zu der Straße, in der das Haus des Großvaters des Heimkehrenden, also das Haus der Kindheit und Jugend des Heimkehrenden steht, wird als der direkteste bezeichnet. Die Straße wird als vertraut bezeichnet, ein andermal wird sie auch gefahrlos genannt werden. Das Haus wird als überraschend unscheinbar bezeichnet. Der Zustand des Hauses wird als vernachlässigt bezeichnet.

Hier wache ich nachts auf, im Bad, am Endes des Flurs, wasche ich mir Hände und Gesicht, ertaste, Augen voller Seife, das Handtuch auf dem Rand des Waschbeckens, ich gehe zurück ins Zimmer, durchs Fenster fällt das Licht der Straßenbeleuchtung, ich ziehe die Übergardine zueinander, ich schalte das Deckenlicht ein, ich hänge meinen Mantel in den Schrank, ich lege mich wieder aufs Bett, ich warte auf die Rückkehr der Müdigkeit.

13

fragen wir doch mal rum

wie die anderen damit fertig geworden sind was die daraus gemacht haben

worauf die verfallen sind

dies und das geht freilich drauf dabei das ist dann aber auch nicht schade drum

zu guter Letzt doch noch Abschiedstränen hier und da.

14

Aber wenn du sagst, daß alles gut wird, werde ich dir glauben, ich werde aufhören, den Wetterbericht zu zitieren und das Trügerische der Empfindung zu beweisen, ich werde keine neuen Zweifel erfinden, stattdessen die Blumen bewundern, die du in Vasen stellst, werde nicht länger den Geräuschen aus Nachbars Wohnung lauschen, ich werde leise pfeifend die Fensterrahmen streichen, wie dus mir aufgetragen hast, und samstags auf dem Wochenmarkt kaufen. Gemeinsam, sagst du, werden wir es diesmal schaffen.

15

nun sitzen wir wieder beisammen im vertrauten Beisammensein und erzählen uns was vom langsamen täglichen Vergehen

16

wohl weil es sie einmal gegeben hat die tröstliche Wärme

der alltäglichen Ereignislosigkeit vergesse ich sie nicht mehr

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Adrienne Braun

Einführung in die Ausstellung „Stufen" mit Fotoarbeiten von Frank Paul Kistner am 23.01.2015

Guten Abend, sehr geehrte Damen und Herren,

bevor ich in Medias Res gehe, wollte ich nur schnell klären: Macht jemand Fotos? Stellt sie vielleicht am besten sofort online, postet sie auf Facebook, dokumentiert jede Facette dieses heutigen Ereignisses?

Sie wissen es selbst: Die Fotografie ist längst keine Angelegenheit professioneller Fotografen allein, sondern wird inflationär betrieben. Instagram knackte im vergangenen Jahr die Marke von 20 Milliarden Bildern, angeblich kommen täglich 20 Millionen neue dazu. Bei Flickr sind es vielleicht 30, 40 Milliarden. Die Fotografie hat mengenmäßig Dimensionen erreicht jenseits dessen, was zumindest ich mir vorstellen kann.

Natürlich hat professionelle und künstlerische Fotografie wenig zu tun mit dem permanenten Dokumentieren der eigenen Lebenswirklichkeit und den Selfies, Welfies, Helfies und Belfies – und doch kann sie nicht unabhängig von dieser Entwicklung betrachtet werden. Das Ende der Malerei wurde schon mehrfach ausgerufen. Die klassische Bildhauerei hat Konkurrenz bekommen durch Installationen und Medienkunst. Der Kunstbegriff beschränkt sich auch nicht mehr auf greifbare künstlerische Artefakte, sondern ist so erweitert, dass sich auch soziale Interventionen oder Aktionen subsumieren lassen. Alle künstlerischen Sparten unterliegen Veränderungen, aber kein Medium ist so stark einem inflationären und profanen Gebrauch ausgesetzt wie die Fotografie.

Gerade in der Fotografie ist das Wechselspiel zwischen den verschiedenen Funktionen und Erscheinungsformen enorm: die künstlerische Fotografie, die Werbung und die schnelle Alltagsfotografie referieren in ihrer Ästhetik permanent aufeinander.

Wie positioniert man sich da als künstlerisch arbeitender Fotograf? Frank Paul Kistner ist zunächst ein hochprofessioneller Fotograf alter Schule, der die Technik beherrscht, der Komposition, Licht, Farbwerte nicht dem Zufall überlässt, sondern sehr bewusst mit den Gestaltungsmitteln umzugehen versteht. Er hat mit analoger Fotografie begonnen – und die Ausstellung hier spiegelt die Marksteine seiner künstlerischen Entwicklung. Es beginnt mit der Serie „Körper und Antlitz", die Ende der Achtzigerjahre entstanden ist.

Die Referenz an Man Ray ist unübersehbar. Aber es sind doch eigenständige Positionen, bei denen es ganz offensichtlich nicht um die Darstellung eines Individuums geht, auch nicht um die Physiognomie oder die erotische Zurschaustellung des nackten Körpers.

Die Situation lässt sich nicht exakt ausmachen, die Perspektive auch nur der Spur nach benennen. Nicht alle Elemente lassen sich dechiffrieren, es bleiben Ungereimtheiten, etwa bei Körperteilen, die sich nicht direkt zuordnen lassen, vermutlich gar nicht dem Modell gehören.

Worum geht es also? Um das, was wir nicht sehen. Diese Fotografien wollen eben nicht die sichtbare Welt mimetisch abbilden, sie wollen ihr nicht einmal annähernd gerecht werden in ihrer äußerlichen Erscheinung. Es sind aber auch keine Stimmungsbilder, es geht nicht primär um Atmosphäre - bei Aktfotografie wäre es etwa naheliegend, eine süßlich-lüsterne Stimmung zu transportieren.

Etwas Ungreifbares, Zärtliches liegt in diesen Fotografien, es ist eher eine Innenschau als die Darstellung äußerlicher Erscheinungen – und entsprechend hat die junge Frau die Augen geschlossen und sucht nicht herausfordernd unseren Blick. Diese Fotografien wollen nicht gesehen werden, sondern eher erlebt und erspürt, sie sind wie ein zärtlicher Hauch, fast wie eine Träumerei.

„Verhüllungen" hat Frank Paul Kistner eine weitere Serie genannt, in der weibliche Körper in durchscheinende Stoffe, eine Art Gaze gehüllt werden wie in einen Kokon. Die Leiber sind gebeugt, zusammengezogen, gekrümmt ähnlich Embryonen. Diese Haltung evoziert extreme Schutzbedürftigkeit und Verletzlichkeit, was durch den fragilen, durchscheinenden Netzstoff noch unterstrichen wird. Er fließt leicht und nachgerade immateriell dahin. Nicht wie Menschen aus Fleisch und Blut wirken diese inszenierten Leiber, sondern flüchtig, wie ein Hauch, wie eine Blüte im Wind. Ein Würmchen zwischen Blättern, die bald schon welken werden.

Ein Hauch? Eine Blüte im Wind? Ist das jetzt eine pseudo-poetische Spinnerei von mir? Ist es der hilflose Versuch, der Kunst habhaft zu werden, die sich der Sprache letztlich entzieht?

Was Frank Paul Kistners Arbeiten unterscheidet von den Millionen, ja Milliarden kursierenden Fotografien, ist, dass er etwas ins Bild zu bannen versteht, was nicht sichtbar ist. Er stellt etwas dar, was sich nur schwerlich fassen, festklopfen lässt.

Auch wenn er Menschen porträtiert, wie die Gesprächspartner von SWR1 Leute, so fotografiert er zwar die Gesichter von Nina Hoss, Ralf Richter oder Patricia Kaas, aber die Prominenten zeigen sich nicht in ihrer gesellschaftlichen Rolle, sie posieren nicht. Dabei ist es eigentlich selbstverständlich, dass man sich im Betrieb darstellt. So, wie sich Herrscher einst auf Gemälden inszenierten, so konstruieren auch heute Politiker, Schauspieler, Autoren in der Regel ein Image, das keineswegs identisch sein muss mit ihrem Wesen jenseits der Öffentlichkeit.

Frank Paul Kistner schaut hinter diese Fassaden, er gibt den Persönlichkeiten das zurück, was sie in der Welt der medialen Inszenierungen nicht zeigen: Privatheit, ein So-Sein. Die Gesichter werden hier zu Landschaften, in denen man lesen kann. Es sind eher Charakterstudien, die nicht von Ruhm und Karriere erzählen, sondern von einem gelebten Leben. Auch hier also zeigt Frank Paul Kistner letztlich das, was gar nicht zu sehen ist.

Diese Fähigkeit, etwas zu vermitteln, was hinter den Dingen liegt, bringt er in seinen „Metamorphosen" besonders prägnant auf den Punkt: Es sind Doppelbelichtungen, bei denen auf Torsi, Körper, Aufnahmen gelegt werden, nämlich die Oberflächen von Steinen oder Wasser. Und auch wenn jeweils zwei Fotografien in diesen Metamorphosen enthalten sind, kann man sie kaum greifen, weil sie sich gegenseitig auflösen, verschwinden, diffus werden. Das Reale weicht einer ornamentalen Impression.

Sie merken es, auch hier komme ich sprachlich an meine Grenzen, weil diesen Fotoarbeiten letztlich nicht wirklich beizukommen ist, weil wir es eben nicht mit realen Phänomenen zu tun haben, derer man habhaft werden könnte, die greifbar, deutbar sind, sich in der Anschauung festmachen lassen. Wir sehen etwas, aber diese Fotografien transportieren in erster Linie etwas, das jenseits des reinen Sehens erspürt werden will.

Gerade bei diesen „Metamorphosen" zeigt sich Frank Paul Kistner als experimentierender Künstler, der sehr wohl auch formale Fragen verhandelt und sich dabei mitunter der Abstraktion nähert. Auch die Seestücke, die Meerbilder seiner Serie „Horizonte" sind letztlich abstrakte Kompositionen. Natürlich erkennen wir die bewegte Oberfläche des Meeres und den weiten Himmel darüber, aber die Fotografien sind wie Gemälde, bei denen sich die Motive in der Farbemasse auflösen und wir es nur noch mit flirrenden, ungegenständlichen Farbpartikeln, mit schierer Materie zu tun haben.

Die Seestücke lassen das Lichtspiel ahnen, man meint die Feuchtigkeit, die in der Luft hängt, zu riechen, das laute Tosen der Wellen zu hören, das weiche Fließen und zarte Schäumen zu spüren. Aber im Grunde geht es nicht um das Abbild des Meeres, sondern diese „Horizonte" sind ebenfalls Charakterstudien, die das Wesen des Meeres sichtbar machen: die ewige Bewegung, das Unfassbare, Unstete, die sich permanent verändernden Erscheinungsformen. Diese Seestücke sind nicht von dieser Welt, nicht diesseitig, sondern jenseitig.

Frank Paul Kistner lässt uns also Unendlichkeit spüren, völliges Losgelöstsein. Er führt uns in eine grenzenlose Weite, die nichts mehr mit dem fassbaren, pragmatischen, profanen Hier und Jetzt zu tun hat.

Die Fotografie von Frank Paul Kistner findet jenseits der Sprache und der Ratio statt und deshalb ist es nur konsequent, dass Sie sich nun selbst ein Bild machen von dem, was hinter den Bildern liegt – und ich bescheiden schweige.

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Das aus vier Bildtafeln bestehende Werk exi[s]t von Ivana Gillé ist durch den christlich-religiösen Paradiesmythos inspiriert. Die "Sünde" prägt als archetypisches Muster des Unbewussten die heute noch wirksamen Moralvorstellungen. Der Ungehorsam gegenüber einer (männlichen) Autorität und die Weigerung, in Unmündigkeit und Abhängigkeit zu verharren werden bestraft. Scham und Schuldgefühle, die gefühlte Ablehnung des eigenen Selbst durch die Anderen, sind die eigentlichen Determinanten der Unfreiheit. Das Paradies existiert nicht und wenn wir es denken, kann es nur als Gefängnis gedacht werden.
Mit exi[s]t entwirft Gillé das Bild eines Möglichkeitsraumes aus Lust, Wahrheit, Stolz und Begehren als Elemente der Freiheit.
Die Fotografien ihres Körpers, die sie mit einer automatisch auslösenden Kamera aufgenommen hat, arrangiert Gillé zusammen mit Textfragmenten zu Bildtafeln, die sich der Ordnung der ästhetisierenden Aktfotografie genauso widersetzen, wie der Ordnung der Pornographie.
Während diese nur ein Abbild der Lust innerhalb der "Symbolischen Ordnung" (1) darstellen, macht Gillé in exi[s]t die Lust selbst sichtbar. Hierin liegt die subversive Kraft ihres Werkes. Ihr offensiver Exhibitionismus hindert den Betrachter daran, die Rolle des Voyeurs einzunehmen und sich so der Auseinandersetzung mit einer selbstbestimmten, machtvollen und stolzen Nacktheit zu verweigern.
Die Einzelbilder, die teils an Skulpturen, aber auch an Tanzfiguren erinnern, sind für Gillé das Material für ein Kaleidoskop der Lüste. Sie bietet dem Betrachter ein Bild ihres Körpers als Ursprung und Träger einer Revolte, die sich der normierenden, anpassenden, unterwerfenden Ordnung widersetzt. Ivana Gillé setzt sich dem Risiko aus, "gesehen zu werden". Sie tut dies mit der schamlosen Selbstgewissheit des Lustsubjekts.

Ivana Gillé / Norbert Mätzke
Juni 2012

(1) Jacques Lacan 1964

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Ein Mann führt eine Frau durch die Ausstellung. Ihre Augen sind verbunden. Er beschreibt ihr nacheinander vier Bilder. Die Frau kommentiert die Bildbeschreibungen des Mannes:

Zum  Bild „France“
"Kreuz, Stern und Titos Bild haben die gleiche Wirkung, wie das Kopftuch.
Es sind Symbole der Zugehörigkeit.
Wie ein Tatoo…, nur mit großem Aufwand kann man es loswerden.
Kopftuchverbot als Emanzipationshilfe? Von wem?
Von denen, die meinen Feind bestimmen?"

Zum Bild „Can Yo Catch a Freedom“
"Unsinn…das mit dem Terror.
Wir terrorisieren uns gegenseitig: Nachbarn, Eltern, Kinder, die die sagen sie lieben…
So lange ich mich wohl fühle, ist der Terror nicht groß genug.
Den Feind bestimme ich!
Die Angst vor der Freiheit ist mein Feind."

Zum Bild „Private Interest“
"Sie verkaufen auch ihren Arsch.
Andere kaufen ihn als Souvenir.
Haben hat Bedeutung für die Vergangenheit und die Zukunft.
Die Gegenwart ist zu anstrengend um zu begreifen.
Es lebe das synthetische Leben."

Zum Bild „Oil Flag“
"Frieden für Öl.
Liebe für Brot.
Beziehung für Sicherheit."

"Denken statt glauben, fragen statt wissen, handeln statt dulden.
Die Wahrheit zerstört was nicht stark ist.
Entscheidung für die Verantwortung!"

Ivana Gillé
März 2012

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Sie: Ich bin toll!
Er: Wer weiß das außer mir?
Sie: Alle, denen ich mich gezeigt habe.
Er: Im Exhibitionist zeigst Du Dich nackt.
Sie: Das Richtige ist falsch. Die Möglichkeit, falsch zu sein ist richtig. Der Exhibitionist ist kein Schwindler. Ich bin direkt und unausweichlich.
Er: Bist Du mutig oder leichtsinnig?
Sie: Warum „oder"?
Er: Mit Exhibitionist hast Du die Grenze zur Eindeutigkeit überschritten. Voyeur und Hausfrau sind voller Symbolik. Auch die Korsetts sind wieder symbolisch.
Sie: Es ist anstrengend, die Wahrheit kompromisslos zu zeigen. Ehrlichkeit macht das Leben schwerer. Sie ist aber unentbehrlich für mich, um Künstlerin zu sein.
Er: Macht die Ehrlichkeit das Leben oder die Kunst schwerer?
Sie: Es gibt keinen Unterschied.
Er: Dann sind Symbole Filter, die es Dir erleichtern, die Wahrheit zu zeigen und dem Betrachter ermöglichen, ihr auszuweichen?
Sie: Eine Aussage ist immer endgültig. Symbolen kann man sich nicht entziehen. Aber jeder hat die Möglichkeit, sie zu gebrauchen oder zu missbrauchen.
Er: Bist Du ängstlich?
Sie: Nein
Er: Bist Du schwach?
Sie: Manchmal.
Er: Hausfrauen sind unattraktiv.
Sie: Hausfrauen langweilen mich. Sie schwimmen zufrieden in der Glückseligkeit, die Schmerz ausschließt.
Er: Bist Du Hausfrau und Künstlerin?
Sie: Ich bin Künstlerin, die den Haushalt macht.
Er: Du bist schön und unerträglich.
Sie: Ich bin brutal und lustvoll. (Pause) Ist der Voyeur chaotisch?
Er: Der Voyeur bestätigt die Ordnung. Mit den Augen des Begehrens erkennt er seinen Verlust und der Schmerz windet die Wunde. Aber die besänftigende Angst gibt ihm Sicherheit und der vorsichtige Kompromiss entmächtigt ihn.
Sie: Zuerst leckt sich der Voyeur die Lippen der Sehnsucht und labt sich am neuen Anderssein. Aber sein Netz wirft ihn zurück in den Rahmen. Und gehorsam lässt er die Zwangsjacke geschlossen.
Er:  Die Gesellschaft beklagt sich nicht, so lange seine Scham ihre Moral bezeugt.
Sie: Die Hausfrau und der Voyeur sind nicht ganz. Der Exhibitionist ist ganz.
Er: Der Exhibitionist ist frei!
Sie: Bedeutet ganz sein, frei sein?
Er: Man kann nicht ganz werden, ohne frei zu sein.
Sie: Man muss ganz werden, um frei zu sein.
Er: Man muss sich befreien, um ganz Selbst zu sein! (Pause) Willst Du fliegen?
Sie: Ich will tauchen. So tief, bis ich keine Luft mehr habe.
Er: Was bedeutet das Meer?
Sie: Freiheit und Tod!
Er: Warum „und"?
Sie: Die Linie des Horizonts ist die Linie des Todes. Die Konsequenz der Wahrheit ist das Handeln.
Er: Sex ist das einzige Mittel gegen die Angst vor der Freiheit.
Sie: Der Mut des Körpers ist eine brutale Störung und Sex ist die Aussöhnung des Selbst mit dem Ich. Dann bin ich ganz.
Er: Nur was endlich ist, ist wertvoll. Kunst, die Wahrheit konserviert ist langweilig. Das Versprechen des Käfigs…
Sie: … ist das ewige Leben
Er: Was ist das Haus?
Sie: Das Haus ist Sicherheit und Käfig.
Er: Dann ist eine Frau …
Sie: … eine Möglichkeit.
Er: Wie wird eine Frau zur Hausfrau?
Sie: Durch die Identifikation mit der Sicherheit und dem Käfig. Die Hausfrau ist die Summe der ungenutzten Möglichkeiten der Frau.
Er: Hausfrauen brauchen ohnmächtige Männer.
Sie: Die Gewohnheit des Hauses schließt die Fenster der Ehrlichkeit und gibt der Welt nur das Filtrierte.
Er: Du ziehst die Korsetts aus.
Sie: Sie sind mir zu eng geworden.
Er: Sind sie nicht schön?
Sie: Man kann nach ihrem Aussehen nicht beurteilen, wie es sich anfühlt, sie zu tragen.
Er: Sind Korsetts der Schutz des Exhibitionisten vor der Lust auf die Freiheit?
Sie: Korsetts sind das Haus des Exhibitionisten.
Er: Du bist toll!
Sie: Ich bin Künstlerin.

Ivana Gillé / Norbert Mätzke
Oktober 2011

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Ich bin schamlos und unerreichbar.
Ich bin die Eine.

HAUSFRAU

Die Regeln sind bekannt. Das liebliche Dasein zerstört die Identifikation der Hausfrau. Ich ahne die Weite hinter meiner Grenze. Im Ganzkörperanorak, im Katzenkostüm bin ich allein. Ich habe Angst vor der Freiheit. Die Gewohnheit des Hauses schließt die Fenster der Ehrlichkeit und gibt der Welt nur das Filtrierte. Im Augenblick bedeutet Kontrolle balancieren mit Möglichkeiten. Einsperrung heißt, keine Möglichkeiten zu haben. Ich bin eingesperrt und schwimme zufrieden in der Glückseligkeit, die Schmerz ausschließt. Das ist nicht die Linie des Paradieses. Wo ist die Sanftmut geblieben, die Tollheit getrieben hat? Der Mut meines Körpers ist eine brutale Störung und Sex bedeutet, erkennen zu müssen. Wie überschreite ich die Grenze? Mit Macht oder muss ich erkennen, dass die Verantwortung den Schmerz der abhanden gekommenen Nähe unerträglich stark macht? Mein Grenzinstinkt macht mich abhängig. Die Tür muss offen bleiben … nein, die Käfigtür verdeckt die Scham der aufgeschobenen Brutalität. Ein grenzenloses Netz verführt mich zum Fallen. Ich kann nicht ohne Netz sein. Wut oder Scham, Spannung oder Regeln? Regeln sind die Lügen der Vorsicht, die Spannung aus Scham erschafft. Ich beginne zu begreifen. Macht und Kontrolle verblassen. Die Störung ist brutal und die Wahrheit ist jetzt zu tun. Diesmal gehe ich nicht ohne Lust!

VOYEUR

Es gibt ein Opfer als Produkt des Begreifens. Zuerst leckt sich der Voyeur die Lippen der Sehnsucht und labt sich am neuen Anderssein. Aber mein Netz wirft mich zurück in den Rahmen. Und gehorsam lasse ich die Zwangsjacke geschlossen. Dies ist meine Existenzberechtigung. Die Gesellschaft beklagt sich nicht, so lange meine Scham ihr Richtigsein bezeugt. Die besänftigende Angst gibt mir Sicherheit und der vorsichtige Kompromiss entmächtigt mich. Mit den Augen des Voyeurs erkenne ich meinen Verlust und der Schmerz windet die Wunde. Was bedeutet Verantwortung? Entscheidung bedeutet Lüge, Vorsicht ist Tod, Paradies ist ein Grab. Die Tiefe entleert des Opfers Opfersein. Die Identifikation wird banal, die Identität wird geil.

EXHIBITIONIST

Braucht meine Wahrheit viele Worte? Der Stift hat einen Orgasmus, aber die Wahrheit bleibt unbefriedigt. Der Mut meiner Konsequenz ist die Stärke der Wahrheit. Worte haben keine Schuld, Worte wollen gehört werden und Lippen erröten nicht, weil sie schamlos sind. Die starke, mächtige Scheide der anmutig schönen Königin ist unvergleichlich nackt und die Lust der Brüste ergreift Partei für die radikale Konsequenz, mein Selbst zu zeigen. Jetzt ist die Wirklichkeit so groß, dass sich die Lüge verkriecht, die Schuld sich versteckt. Ich bin Exhibitionist am Anfang … und der Anfang ist das Ende. Das Richtige ist falsch. Die Möglichkeit, falsch zu sein, ist richtig. Ich lecke den Saft der reifen Lust und liebe wütend. Die Linie des Horizonts ist die Linie des Todes. Du wirst mich töten müssen, wenn ich mich, ohne Entscheidung, ohne Verantwortung, ohne Sollen, Müssen oder Haben, lieben lassen will.

Ivana Gillé
Januar 2011

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